Tag des Sieges - Tag der Kontroversen

Der 9. Mai wird in Russland jedes Jahr groß gefeiert. Anlass ist der Sieg der Sowjetunion über das Dritte Reich und damit das Ende des Krieges - wobei böse Zungen behaupten würden, hier werde der Sieg weit mehr gefeiert, als das Ende des Krieges an sich. In Moskau findet an diesem Tag die größte Militärparade Russlands statt - samt Flieger, Panzer und Infanterie. Aber auch in kleineren Städten, wie Krasnodar, finden Paraden statt. Schon früh morgens (teilweise ab 5 in der Früh) tummeln sich die Leute an der Straße, an der die Parade stattfinden wird, um ihre Plätze ganz nah am Spektakel zu sichern. Dass jedes Kind diese Parade zumindest einmal sehen muss, ist ungeschriebenes Gesetz, und viele der Kinder, die man hier sieht, sind nicht älter als 2 Jahre.
Auch Maria und ich wollten dieses Spektakel einmal in unserem Leben miterleben, denn so umstritten solche Paraden bei uns in Europa auch sind, sie sind Teil der Kultur und damit des Lebens der Menschen hier.

Die Hauptparade begann irgendwann zwischen 10 und 11 Uhr vormittags, aber da wir nicht wirklich motiviert waren, schon um 5 in der Früh dort hinzugehen und Plätze zu sichern, und damit ziemlich sicher nichts von der Parade selbst gesehen hätten, beschlossen wir einfach, knapp nach Ende der Parade hinzugehen. Lena bestätigte, dass dies wohl das Sinnvollste sei und, dass nach der großen Parade trotzdem noch kleinere Umzüge zu sehen wären. So machten wir uns gegen Mittag auf ins Stadtzentrum und trafen uns dort mit Lena, Rita, Anastasia und Anna.
Schon der Spaziergang ins Zentrum zeigte uns deutlich, dass dieser Tag nicht nur für das Militär besonders ist - auch die Bevölkerung nimmt aktiv daran teil.

Solche Fahnen gibt es überall zu kaufen.


Auf der Fahne steht "Für das Vaterland"



Welches Bild von Krieg den Kindern hier vermittelt wird, ist fraglich.


Ja, ihr seht richtig. Das ist wirklich ein Panzer-Luftballon.

Auch die Kosaken kämpften im zweiten Weltkrieg.
(Übrigens auf beiden Seiten; einige für Hilter, andere für Stalin)

An diesem Bild ist so viel falsch.



Bildaufschrift: 1941-1945. 9.Mai. Vaterländischer Krieg. 2017 - alles gute zum Tag des Sieges.
72 Jahre seit dem Tag des großen Sieges.

Solche Schleifen (Sankt-Georgs-Bänder) wurden uns von unseren Mädels geschenkt. Sie sind ein Symbol militärischer Tapferkeit. Genau dieses Muster sieht man am Tag des Sieges an jeder Ecke. Orange steht für Feuer. Schwarz steht für Asche.








Das unsterbliche Regiment. Ein Gedenkmarsch, bei dem die Teilnehmer die Fotos ihrer Familienangehörigen, die im zweiten Weltkrieg gekämpft haben, durch die Stadt tragen.



Das Regierungsgebäude.


Selbst Autos wurden für den Tag des Sieges "modifiziert"...


...egal in welchem Zustand das Auto ist.




Beim Herumspazieren und Eindrücke festhalten, wechselten Maria und ich manchmal auf Deutsch (natürlich mit Einverständnis der Anderen) um Dinge zu diskutieren, die wir auf Russisch nur schlecht so ausdrücken konnten. Da bemerkte Lena, wie komisch uns die Leute anschauten, und dass sie das "gruselig" finde, weil sie nicht wisse, ob sich hier verrückte Leute herumtreiben, die uns "loswerden" wollen, weil wir ja Deutsch sprachen - und dies das Fest des Sieges gegen ein deutschsprachiges Land war (natürlich sagte sie das nicht ganz im Ernst, aber die komische Atmosphäre fiel auch uns auf - 2 Deutschsprachige auf einem Fest unserer früheren "Gegner"). Natürlich sind auch wir froh, dass die Alliierten über das Dritte Reich (und damit zum Teil auch über "uns") gesiegt haben, aber dennoch war diese Art des Heldenkults für uns sehr seltsam - immerhin bedeutet das Wort "Sieg" nicht einfach nur "Sieg" von Gut über Böse, sondern im Endeffekt bedeutet "Sieg", dass erst einmal Krieg geherrscht haben muss, und dies bedeutet wiederum, dass auch unschuldige Menschen (Soldaten wie Zivilisten) auf beiden Seiten mit ihrem Leben bezahlen mussten. Wir diskutieren mit unseren russischen Freundinnen darüber, warum bei uns ein solches "Heldengedenken" nicht gerne gesehen wird, und dass bei uns solche Tage eher mit stillen, traurigen Ansprachen "gefeiert" werden anstatt mit pompösen Aufzeigen der militärischen Kraft. Sie erklärten uns zwar, dass auch sie den Verstorbenen andächtig gedenken, aber eben nicht nur andächtig. Angesichts dessen, was wir sahen, fiel es uns schwer zu glauben, dass es hier nur um andächtiges Gedenken ginge. Und bei all dem Trara würde es mich nicht wundern, wenn einige Kinder und Jugendliche den Eindruck bekämen, Krieg sei etwas "cooles" und dabei völlig vergessen, dass das, was sie da so "cool" und "lässig" in den Händen halten, dazu entwickelt wurde, zu töten (und dieses Töten heute noch so geschieht).






Von einem unserer männlichen russischen Freunde hörten wir Monate später, dass sie an diesem Tage nur ihrer eigenen Gefallenen gedenken. In Österreich hingegen wird ja meist aller Opfer des Nationalsozialismus gedenkt. Auf die Frage, ob er es denn schlimmer finde, dass Russen gestorben sind, als, dass generell Menschen (egal welche Nationalität) gestorben sind, erhielt ich die kurze und knappe Antwort "ja". Oh, wie hat mir diese emotionslose, knappe Antwort doch die Stimme verschlagen und den Atem geraubt. Und das ist wohl der große Unterschied. In den Köpfen Vieler scheint es im Bezug zu diesem Thema wohl immer noch eine Aufspaltung zwischen "wir" und "sie" zu geben. Diese Vermutung wurde mir beim gestrigen Gespräch mit meiner russischen Freundin Lena sogar bestätigt. Sie erzählte mir, dass sie vor nicht allzu langer Zeit ihrer Mutter sagte, dass sie nicht zur Parade gehen wolle, weil das alles schon ewig her ist, wir nun im 21. Jahrhundert leben und sie keinen Sinn hinter dieser Veranstaltung sieht. Ihre Mutter erwiderte, wie sie es denn nur wagen könne, dies so zu sagen, ihre Verwandten hätten doch im Krieg gekämpft, wie kann sie es nur wagen, nicht zur Parade zu gehen.

Ein Gedankengut, das für Maria und mich nicht ganz nachvollziehbar war, denn wir (ich kann jetzt natürlich nur von uns zwei und nicht von ganz Österreich sprechen) machen zwischen den Nationalitäten keinen Unterschied. Uns ist völlig gleichgültig, ob irgendwo eine russische Familie leiden musste, weil ihr Sohn nicht mehr vom Krieg zurückkam, oder ob es sich dabei um eine deutsche Familie handelte - für uns ist beides gleich schlimm. Es scheint so, als würde hier (und leider Gottes vermutlich nicht nur hier) noch sehr kategorisch gedacht werden - "Gut" gegen "Böse" - klassisches schwarz-weiß Denken. Und damit eine solche Kategorisierung noch einfacher zu machen ist, werden ganze Aspekte der Geschichte an diesem Tag einfach einmal "vergessen". So begegneten uns auch Bilder von Stalin, der imposant auf die Masse herunterblickte - dabei dachten wir uns nur: "moment mal... ihr habt doch alle in der Schule über die Gulags und Massenermordungen unter Stalin gelesen". Kollektives Vergessen am Tag des Sieges. Dies ist einer der Punkte, der mir in den Kopf springt, wenn man mich fragt ob ich die russische Kultur (und dies ist ja nicht nur ein Phänomen der russischen Kultur) nun wirklich verstehe. Ich glaube unsere Ansichten lassen es nie zu, dieses Gedankengut wirklich zu "verstehen". Ich kann darüber Bescheid wissen, ich kann zuhören und mir die Argumente merken und ihre Sichtweise akzeptieren, aber richtig verstehen werde ich dies wohl nie.

Diese und andere (dann relativ schnell auch wieder unbeschwerte) Gespräche führten wir am Mittagstisch in einem kleinen, netten Restaurant gleich an der Hauptstraße. Gestärkt machten wir uns wieder auf den Weg zu einem Park gleich in der Nähe. Dort genossen wir die Sonnenstrahlen und machten Gruppenfotos zur Erinnerung.



Borschtsch muss an einem Feiertag einfach sein.

Den Nachmittag ließen wir noch mit einem netten Spaziergang gemeinsam ausklingen. Und natürlich samt Erinnerungsfotos.








Danach wurden wir von Anastasia eingeladen, bei ihr zu übernachten und mit ihrer Familie den Tag des Sieges ausklingen zu lassen. Begrüßt wurden wir von ihrer Mutter mit einem großzügig gedeckten Tisch voller leckerer Speisen.


Dass der Tag des Sieges ein sehr kontroverser Feiertag ist, merkte man auch hier. Sofort wollte ihre Mutter wissen, was wir von dem ganzen halten, um wenig später von diesem politischen Thema auf ein anderes politisches Thema umzulenken: die Flüchtlingskrise. Natürlich. War ja auch nicht das erste Mal, dass wir auf die Flüchtlingskrise in Europa angesprochen wurden. Ihre Aussagen dazu erfreuten uns zwar nicht wirklich ("die Flüchtlinge sollen in ihren eigenen Ländern bleiben und helfen, ihr Land wieder aufzubauen statt wegzulaufen", "die bekommen viel mehr Geld als Pensionisten" etc. etc.) aber wir wollten angesichts der Gastfreundschaft kein politisches Streitgespräch beginnen. Ganz besonders nicht, weil wir schnell merkten, dass hier - wie leider prinzipiell vielerorts - kein Unterschied zwischen Flüchtlingen und Migranten gemacht wird (Für alle, die den Unterschied nicht kennen: Begriffsdefinition - Migrant, Flüchtling, Asylwerber). Die Atmosphäre wurde durch diese Kommentare aber dann doch etwas gedrückt und ein unbehagliches Gefühl blieb zurück.
Danach gingen wir Film schauen, hielten dies aber nicht lange durch, da wir von den vielen Eindrücken und Diskussionen doch schon ziemlich müde waren.

Bildergebnis für trumpDer TV war schon ausgeschalten und wir waren kurz vorm einschlafen, als plötzlich doch noch eine ziemlich aktive Diskussion über das nächste große politische Thema unsere Zeit auffachte: Trump. Sieht so aus, als wollte uns der Tag des Sieges wohl einfach keinen Schlaf gönnen. Anastasia erklärte uns, warum in Russland so viele (auch sie selbst) denken, dass Trump ein super Präsident ist. Er war wirtschaftlich erfolgreich (von den ganzen Pleiten und Anzeigen weiß man hier nichts) und er sagt, was er sich denkt (was er wirklich alles sagt, versteht man hier ja aufrund mangelnder Englischkenntnisse nicht), und er mag Russland (dachte man damals jedenfalls noch). Sie erklärte uns, dass im Fernsehen eigentlich nur gezeigt wurde, dass er eben Russland unterstützt und sich seinen Reichtum selbst erarbeitet hatte. Viel mehr weiß man über den Herren im Weißen Haus nicht. Auf einen Schlag wurde uns ganz klar, wie wichtig Sprachkenntnisse eigentlich wirklich sind. Wie viele Youtube-Videos von Trumps Auftritten hab ich schon gesehen - selbst gehört, was er sagte, selbst gesehen, wie er sich gibt. Mangelt es aber an Englischkenntnissen, kann man sich nur auf das verlassen, was einem die eigenen Medien zeigen und dolmetschen. Und selbst wenn seine Reden gedolmetscht werden, spiegelt dies noch lange nicht die ganze Wahrheit wieder. Denn wie ich erst vor kurzem in einem Interview gelesen habe, ist es fürchterlich schwierig, wenn nicht unmöglich, Trumps Reden richtig zu dolmetschen. Einerseits ist es schwierig, seine extrem einfache, kindliche Wortwahl durch die Dolmetschung an den Hörer zu transportieren und andererseits "kann [...] er den Ruf eines guten [Dolmetschers] völlig ruinieren, denn er widerspricht sich innerhalb kürzester Zeit immer wieder [selbst]" (Quelle: Spiegel)
Ohne Englischkenntnisse gibt es also keine Möglichkeit, sich selbst ein Bild über den Befehlshaber der amerikanischen Streitkräfte zu machen. Mit dieser Erkenntnis und dem befriedigenden Wissen, dass unser Studium also doch wirklich Sinn macht, begaben wir uns also ins Land der Träume.

Das war's, den Tag des Sieges haben wir nun wirklich hautnah miterlebt. Ein interessanter Tag, der uns wieder einmal große kulturelle Unterschiede aufzeigte, uns aber gleichzeitig vor Augen führte, dass ein Austausch auch trotz gegenseitigem Unverständnis funktionieren kann. Und wenn's einmal nicht mehr geht, einigt man sich eben darauf, sich nie einig zu werden.

Comments

  1. Whow, super, spez. der Teil über Trump hat mich sehr berührt. Toll, was ihr zwei Össis so erlebt.

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