Unser russischer Alltag
![]() |
| So lässt sich's leben (äh, Vokabelpauken). |
![]() |
| Verzweifelt, verzweifelter, Mary (ganz sicher nicht Merry!) |
Wie sieht also unser russischer Alltag hier aus?
Prinzipiell haben wir von MO-DO (Maria von MO-FR) Uni. Eigentlich dürfen wir uns von der Stundenanzahl her nicht beschweren, aber das Problem ist, dass wir ca. eine Stunde in die Uni fahren. Eine Stunde hin, eine Stunde zurück und schon ist man für die Uni nicht mehr nur 1 1/2 Stunden am Weg sondern gleich 3 1/2 Stunden. Das frisst natürlich viel Zeit, die ansonsten zum Lernen, Schlafen, ins Freie gehen etc. verwendet werden könnte. Die Entscheidung, so weit weg von der Uni zu wohnen, bereuen wir aber dennoch nicht, denn die Wohngegend ist hier eindeutig die bessere. Wir stehen also auf, frühstücken (typisch Russisch: Kasha - jegliche Art von Brei - nein, nicht nur Kinder essen Brei, und ja - es schmeckt tatsächlich) und machen uns auf den Weg zur Straßenbahn.
Nach ca. 10 Minuten Fußweg an der Haltestelle angekommen, heißt es dann noch etwas warten. Meist versuchen wir, die Rush Hour zu vermeiden, denn in Russland bedeutet Rush Hour wie Sardinen in einer Konservendose zusammengequetscht in den Wagons zu stehen. Und da Russen nicht sehr viel von Abstand und Warten halten, wird kräftig gedrängelt. Es grenzt schon fast an ein Wunder, wenn Personen einmal aus der Straßenbahn kurz aussteigen, um andere rauszulassen. Meist bleiben alle passiv stehen, als wären sie angewurzelt, und enger Körperkontakt beim Vorbeischlängeln scheint ihnen nichts auszumachen. Dass sie an engem Körperkontakt wohl nichts anstößig finden, konnte ich am eigenen Leibe erfahren, als sich eines Tages neben mir eine etwas breitere Dame niedersetzte, der es scheinbar schnurzegal war, dass ihr Arm ständig den meinigen nicht nur berührte sondern gerade zu verdrängte. Da war ich also - eine Sardine in der Konservendose - nur eben nicht zwischen mehreren Menschen sondern zwischen Mensch und Wagonwand eingequetscht! Mich wundert heute noch, warum es im Russischen kein Wort für "kuscheln" gibt - denn so abgeneigt, scheinen sie demgegenüber ja nicht zu sein.Mittlerweile wissen wir aber schon wann in Krasnodar Rush Hour ist - ungefähr wischen 7.30 und 9 Uhr morgens und zwischen 16.30 und 17.30. Jaja, wir sind schon richtige Krasnodarer. Morgens lässt sich die Kuschelfahrt leider nicht vermeiden (da müssten wir ja noch früher aufstehen!) aber gegen 17.00 meiden wir jegliche öffentliche Verkehrsmittel.
![]() |
| Eine ganze Stunde hat es Maria gekostet, an das Päckchen zu kommen. |
Außerdem wird hier - zum Glück einiger, zum Verdruss anderer - immer wieder die Fahrt musikalisch begleitet. Straßenmusiker steigen an einer Haltestelle ein und spielen dann ein Lied, sammeln danach Geld ab - natürlich nur freiwillig - und steigen wieder aus. Eigentlich gesetzlich verboten, aber man will ja sparen. Also warum nicht Straßenmusiker statt Dolby Surround Anlage? Blöd nur, dass morgens nicht jedermanns und "jederfraus" Stimme so leicht verdaulich ist. Oder Nachmittags. Oder Abends. Oder Jemals. Aber das scheint niemanden zu stören. Darum wohl die häufige Aussage "Wenn es Ihnen gefallen hat, vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit, wenn nicht, dann nicht weniger Danke für Ihre Geduld". Oh ja, Geduld, von der braucht man in Russland eine ordentliche Portion. Zum Beispiel wenn man an der Uni auf die Toilette muss oder wenn man aufs Postamt muss. Oder wenn man sonst irgendetwas erledigen muss, und dabei aber nicht drei Stunden verschwenden will. Zum Glück gibt es Katzengesang aber nur selten. Die meisten sind zwar nur so durchschnittliche Sänger aber hin und wieder trifft man auf ein richtiges Talent.
Straßenmusiker und Кондуктор in Action.
Neben Uni und Lernen müssen wir aber natürlich in erster Linie auch Essen und Schlafen. Damit kommen wir auch schon zum nächsten Punkt: wie kommt man in Russland möglich billig zu möglichst gutem Essen?
Unsere Neugier war geweckt und wir wollten endlich wissen, was denn nun das erschwinglichste Geschäft mit guter Nahrungsmittelqualität ist. Zwei weitere Geschäfte kamen in Frage und nach akribischer Manier - böse Zungen würden es deutsche Manier nennen - gingen wir, ausgerüstet mit Handy statt Kamera (damit wir wenigstens nicht ganz so extrem auffielen) in die zwei Geschäfte und fotografierten alles ab, um im Nachhinein die Preise umzurechnen und zu vergleichen.
So kompliziert kann einkaufen sein! Schnell wurde dadurch aber ersichtlich, dass Магнит (Magnit) unser Favorit war - mehr Auswahl, bessere Angebote, erschwinglichere Preis. Plötzlich konnten wir nicht nur mehr kaufen, sondern das auch noch um den !halben! Preis.
Was wir hier übrigens zum ersten Mal sahen:
![]() |
| Milch einmal anders verpackt. |
Natürlich gibt es hier auch die klassischen Milchflaschen , die viele zum Beispiel von Amerika kennen. Aber man kann sich schon einiges sparen, wenn man einfach die Packungen kauft, und dann in die Flaschen umfüllt. Wichtiges Element unseres russischen Alltags!
Bio und Vegane Produkte findet man übrigens auch nur in Elitegeschäften. Schonende Tierhaltung und "Freilandeier" sind für Russland wohl noch Fremdwörter. Apropos Eier.. die bekommt man auch nur selten frisch. Die frischsten im Geschäft sind meist schon 2-3 Wochen alt. Davon abgesehen, kann man eigentlich aber schon ganz gesund und für vernünftige Preise leben. Mittlerweile ernähren wir uns schon recht russisch - viel Kartoffel, Kohl und Rote Rüben. Auch Вареники (russische Tortellini - nur besser) mit Сметана (Sauerrahm - nur besser) stehen immer wieder mal am Speiseplan. Aber zum Thema kochen, wird's noch einen extra Eintrag geben.

Wenn wir nicht gerade Lernen, Uni gehen oder Geschäfte suchen, treffen wir uns gerne mit unseren russischen Freunden - wenn diese denn Zeit haben. Denn, wie in Marias Eintrag schon erwähnt, ist es in Russland üblich, Samstags Unterricht zu haben. Russische Studenten haben meist an einem Tag unter der Woche und Sonntags frei - dazu kommen noch Tonnen an Hausaufgaben zu erledigen. Hier Student sein ist ein harter Job! Einfach so mal ein Fach "schmeißen" geht hier auch nicht, denn dann kann es schon einmal passieren, dass dich der Professor mit Nicht-Genügend bewertet. Nicht so wie bei uns, wo Anwesenheit nicht immer ganz so streng genommen wird. Wenn sie also an einem bestimmten Tag frei haben wollen, müssen sie stets die Lehrperson darum bitten. Und dann gibt es drei Möglichkeiten: entweder sie lehnt ab, oder stimmt zu, oder stimmt unter gewissen Bedingungen zu (jap, ich spreche hier von Schmiergeld). An einigen Unis und Schulen wird hier tatsächlich noch mit Schmiergeld gearbeitet. Darum hängen auch an unserer Uni extra Schilder, die darauf hinweisen, dass man sich bei Verdacht auf Korruption sofort anonym an eine gewisse Nummer wenden sollte.
Was haben wir sonst so bisher in unsere Freizeit gemacht?
Die Koordinatorin und Zuständige für unser Auslandsjahr organisierte für uns deutschsprachigen Studenten und für einige russische Interessierte einen Ballettabend. Abgesehen davon, dass ich nicht wirklich ein Ballettfan bin, hat mir der Abend dennoch sehr gut gefallen, da wir ja zuvor noch nie in einem russischen Theater waren. Hier einige Eindrücke vom Abend:


Als eines Tages spontan ein Kurs ausfiel (hier wird man darüber nicht per E-Mail verständigt sondern bemerkt das erst, wenn man schon eine Stunde hingefahren ist und dann vor verschlossenen Türen steht), beschlossen wir die солнечный островь (Sonneninsel) zu erkunden. Nicht weit weg von unsere Universität, nagte der Fluss Kuban so lange am Land, bis sich eine Halbinsel bildete. Mittlerweile waren wir dort schon zweimal, wobei wir uns einmal sogar ein Tandem-Fahrrad ausliehen, um die Halbinsel abzufahren. Die Insel ist wirklich sehr schön und der Hauptteil (da wo sich die meisten Russen aufhalten) ist auch sehr sauber. Aber sobald man nur etwas vom Hauptgebiet abkommt, erlebt man schnell die russische Wildnis und leider auch den unsorgsamen Umgang mit Müll - ganz nach dem Motto: Sieht's keiner, stört's keinen. Solange man sich aber im Hauptgebiet aufhält, kann man hier richtig schön den Tag genießen.









![]() |
| Sieht's keiner, störts keinen. |
Außerdem haben wir uns auch Abends schon einige Male hinaus gewagt. Weg vom Lärm der Stadt, ab in die große Wildnis. Mittlere Wildnis? Kleine Wildnis? Naja, der Park nebenan eben. Und was wäre ein richtiger russischer Park ohne Kriegerdenkmal? Ganz sicher kein russischer Park!
![]() |
| Das wär ja ein Kaas ohne Spiel und Spaß! |
An einem anderen schönen Tag, habe ich mich mit unserer russischen Freundin Elena auf den Weg gemacht, die Stadt zu erkunden. Dabei haben wir wunderschöne alte Gebäude und einen tollen Klavierspieler gesehen. Den ganzen Abend lang russisch sprechen fühlten sich allerdings an wie 10 Stunden Matheaufgaben lösen. Am Ende des Tages konnte ich weder Russisch, noch Englisch, noch Deutsch richtig sprechen. Danach hieß es nur noch: ab ins Bett! Over and out.
Was wir auch hier in Russland das erste Mal sahen sind sogenannte "Spielecafes". Dort zahl man nicht für Kaffe und Kuchen sondern für die Zeit, die man dort verbringt. Tee und russisches Gebäck gibt's gratis und man hat die Auswahl zwischen einer großen Anzahl an Brettspielen, Tischfußball, Poker und Konsolenspielen. Den Tag so mit unseren russischen Freunden zu verbingen hat uns wirklich sehr viel Spaß gemacht. So ein Cafe find ich eine super Idee und wär auch wirklich was für Graz! (Oder gibt es das schon und ich weiß es nur nicht? :D). Mit Activity konten wir jedenfalls so unseren Wortschatz erweitern - dabei haben uns unsere lieben Freunde tatkräftig unterstützt. Ein wahrhaft gelungener Nachmittag!
![]() |
| Diese Regale sind im ganzen Cafe verteilt. |






































Super
ReplyDelete